Abituransprache 2009

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Liebe Abi­tu­ri­en­tinnen und Abi­tu­ri­enten, liebe hof­fent­lich au­ßer­or­dent­lich stolze El­tern und An­ver­wandte sowie Freunde, liebe Kol­le­ginnen und Kol­legen, liebe Mit­ar­bei­te­rInnen, liebe Schü­le­rinnen und Schüler, liebe Gäste!

Zu­nächst erst einmal meinen herz­li­chen Glück­wunsch zum be­stan­denen Abitur – wir, d.h., Leh­rer­kol­le­gium und Schul­lei­tung, freuen uns mit Ihnen und sind zu­gleich au­ßer­or­dent­lich stolz auf Sie alle. Wir freuen uns auch dar­über, dass Ihr Jahr­gang es auch im fünften Jahr des an­geb­lich so viel schär­feren und ob­jek­ti­veren Zen­trala­bi­turs ge­schafft hat, den ‚Schnitt’ zu halten, also im lang­jäh­rigen Durch­schnitt der Er­geb­nisse un­serer Schule – ob mit oder ohne Zen­trala­bitur - zu bleiben. Sie liegen mit einem Durch­schnitt von etwas mehr als 2,4 ver­mut­lich er­neut leicht über dem Ham­burger Mit­tel­wert und können zudem dar­über hinaus gleich 13mal mit einem Schnitt mit einer 1 vor dem Komma glänzen und es geht in echte Höhen – mehr­mals 1,4 ja sogar 1,2 und 1,1 und, es ist kaum zu glauben, eine Schü­lerin des Goethe-Gym­na­siums hat sogar die Traum­note von 1.0 er­reicht. Mit all dem liegt auch er­neut ein em­pi­ri­scher Be­weis dafür vor, dass Sie sich und wir uns mit den er­reichten Leis­tungen nicht ver­ste­cken müssen – kurz ge­sagt, wo Goethe drauf­steht, da ist auch viel Goethe drin, großer Bei­fall von uns Lehr­kräften und von den El­tern für Ihre Leis­tung. Im nächsten Jahr gibt’s dann zum Ab­ge­wöhnen das letzte Mal diese Form des Zen­trala­bi­turs – dann hat das Ar­gu­ment der Ein­heit­lich­keit, Ver­gleich­bar­keit und der Kon­trolle wieder aus­ge­dient und man kehrt weit­ge­hend zu dem zu­rück, wie es früher war – bis auf den Kol­la­te­ral­schaden, dass Sie mehr Stress und wir er­heb­lich mehr Ar­beit hatten, ist ja auch nicht viel pas­siert. Dumm ge­laufen eben.

Das wäre denn auch die un­pas­sende Über­lei­tung zu Ihrem Jahr­gang: Man könnte ja auch ein­fach sagen, dumm ge­laufen, Sie sind also der Kri­sen­jahr­gang, wie die vor­letzte Aus­gabe des Ma­ga­zins ‚Der Spiegel’  auf der Ti­tel­seite tex­tete. Sie haben just in einem Mo­ment Abitur ge­macht, wo die west­liche Welt oder manche sagen auch, der Ka­pi­ta­lismus, die größte Krise seit 80 Jahren durch­lebt. Sie sind also die Kri­sen­kids, aber wir alle sitzen hier in Fei­er­laune, Sie wollen sich neuen Her­aus­for­de­rungen in Aus­bil­dung oder Jobs stellen und Ihre Zu­kunft planen – und draußen jagen sich blö­der­weise die Ban­ken­krisen und Fir­menpleiten - dieser Wi­der­spruch hat schon ein biss­chen was vom etwas ab­ge­wan­delten Brecht-Spruch,: ‚Stell dir vor, es ist Krise, und keiner geht hin!’

Drum, hin­gehen oder tiefer ein­steigen möchte ich auch nicht, wir wollen uns alle die Fei­er­laune nicht ver­derben lassen, aber viel­leicht sollten wir doch bis zum Plop der Sekt­korken gleich einen Mo­ment in­ne­halten und ge­meinsam dar­über nach­denken, welche Bot­schaften diese Krise Ihnen auf den künf­tigen Le­bensweg mit­geben kann. Denn auch ein zweiter Brecht-Aus­spruch ist hier si­cher pas­send und zu­tref­fend: „Wer aus der Ge­schichte nicht lernt, wird sie wie­der­holen.“ Und für noch einmal 500 Mil­li­arden wei­tere Staats­schulen möchten Sie si­cher nicht auch noch mit­ver­haftet werden, nur weil Sie zu­fäl­li­ger­weise der nach­wach­senden Ge­ne­ra­tion an­ge­hören, das Schulden-Päck­chen ist auch so groß genug.

Zu­nächst können wir erst einmal fest­stellen, dass weder Ihre Leh­re­rinnen und Lehrer noch gar die nicht weg­zu­den­kenden An­ge­stellten des Goethe-Gym­na­siums wie un­sere Haus­meis­terei oder Frau Kühn und Frau Brüggen aus dem Schul­büro – denen allen an dieser Stelle ein großer Dank für ihre tat­kräf­tige Mit­hilfe an ihrem Er­folg ge­bührt – also weder diese noch ver­mut­lich Ihre El­tern und Ver­wandten ir­gendwie für diese Krise ver­ant­wort­lich zu ma­chen wären. Viel­leicht gibt es im großen Dunst­kreis der Schule den einen oder an­deren, der sich ein paar Leh­mann-Bro­thers-Zer­ti­fi­kate hat auf­schwatzen lassen – aber auch dass sind Opfer, die sich von Ihnen nur darin un­ter­scheiden, dass sie be­reits so­fort ihr Geld ver­loren haben und nicht wie Sie erst später ir­gend­wann zur Kasse ge­beten werden sollen. Viel­leicht kommen wir und ins­be­son­dere Sie in dieser Krise auch noch mit einem blauen Auge davon, und - lassen Sie sich vom Kri­sen­ge­rede grund­sätz­lich nicht in Ihrer po­si­tiven Sicht auf die Zu­kunft kirre ma­chen.

Aber es ist schon wichtig zu fragen, wo denn die ei­gent­liche Ur­sache für den Crash zu su­chen ist. Nun will ich nicht die üb­li­chen Wirt­schafts­bosse von Acker­mann bis Zum­win­ckel als Bö­se­wichte be­mühen, um damit die Krise er­klären – die haben nichts an­deres ge­macht, als die von un­serer Rechts­ord­nung ein­ge­räumten Spiel­räume aus­zu­nutzen oder sie bis dahin aus­zu­dehnen, wo es an­fangen könnte, straf­recht­lich ernst­haft weh zu tun. Diesen Crash durch eine Per­so­na­li­sie­rung er­klären zu wollen, wäre ähn­lich fahr­lässig, als wenn man die Un­taten des Dritten Rei­ches auf die eine be­kannte Un­person mit ös­ter­rei­che­ri­scher Her­kunft zu­rück­führen würde. Nein, man muss sich einmal nur kurz das Ge­schäfts­mo­dell der Ver­brie­fung der Sub­prime Cre­dits an­schauen - keine Angst es gibt jetzt keine wirt­schafts­wis­sen­schaft­liche Vor­le­sung - aber das Mo­dell dieses Sys­tems ist ei­gent­lich nichts an­deres, als wenn man ein paar Autos in Ein­zel­teile zer­legt, in Teile ver­packt und man be­schei­nigt diesen Ein­zel­teilen in ein­zelnen Kisten einen hö­heren Wert als den ganzen Autos – und daran glauben alle. Oder um­ge­kehrt – dass das nicht stimmt und funk­tio­niert, will keiner ge­merkt und schon gar nicht ge­wusst haben. Dieses das ‚hat ja keiner ge­wusst und ge­merkt’, kommt einem doch be­kannt vor: Genau mit dieser Struktur einer Schutz­be­haup­tung haben auch schon un­sere El­tern oder Groß­el­tern den ein oder an­deren Ge­nozid unter den Tep­pich kehren wollen. Und konnte man es wirk­lich nicht ahnen, was da auf einen zu­kommt?

Zur Be­ant­wor­tung dieser Frage möchte ich mit Ihnen eine kleine Rück­reise zu meinem ei­genen Abitur vor vielen Jahren an­treten. Ich musste da­mals einen Er­ör­te­rungs­auf­satz schreiben – ge­nauer ge­sagt, ich war so blöd, dieses Thema zu nehmen – je­den­falls habe ich ein Er­ör­te­rungs­thema zu Lenins be­rühmten Satz be­ar­beitet: ‚Ver­trauen ist gut, Kon­trolle ist besser.’ Wel­cher Teufel hat mich da­mals bloß ge­ritten…

Sie ahnen aber schnell und richtig, dass ich heute nicht als Schul­leiter vor Ihnen stehen würde und da­mals mein Abitur er­folg­reich ge­baut hätte, wenn ich nicht das ‚Rich­tige’ von mir ge­geben hätte. Das Rich­tige zu dieser Zeit? - zur Erin­ne­rung, wir be­fanden uns da­mals im kalten Krieg, -  also war es richtig, dass wir alle mit sprach­li­cher Bril­lanz solche Aus­sprüche des Ober­kom­mu­nisten Lenin, der damit ja die ele­men­tarsten Frei­heiten wirt­schaft­li­cher Art be­schränken wollte, ar­gu­men­tativ in Grund und Boden ge­rammt haben. Nix Kon­trolle – Frei­heit war die De­vise! Und schlimmer noch, wir haben daran ge­glaubt, dass das ge­naue Ge­gen­teil dieses Aus­spru­ches richtig sei, näm­lich den wirt­schaft­lich Han­delnden eine to­tale Frei­heit ein­zuräumen. Wir hatten aus­ge­blendet, dass es sich dabei auch um eine Ideo­logie han­delte, die im Nach­gang in immer wei­tere wirt­schaft­liche und po­li­ti­sche Sys­teme Einzug hielt. Na­tür­lich ist im Namen dieser Frei­heit eine Menge er­reicht worden und es wurde un­sere Um­ge­bung er­folg­reich eu­ro­päi­siert, an­schlie­ßend glo­ba­li­siert, die Wirt­schaft li­be­ra­li­siert und fle­xi­bi­li­siert – aber der zu­neh­mend la­xere Um­gang mit immer kom­ple­xeren Sys­temen wurde mit der glei­chen Ar­gu­men­ta­tion ge­recht­fer­tigt – ge­sell­schaft­liche Kon­trolle (und noch schlimmer: staat­liche Re­geln) sind ei­gent­lich die Vor­boten des Kom­mu­nismus und stammen damit in­di­rekt vom Teufel ab. Und so wurde ver­säumt, an­ge­mes­sene so­ziale Kon­troll­sys­teme zu ent­wi­ckeln und ein­zu­richten.

Dabei wäre, und da sind sich fast alle heute einig, ein an­ge­mes­senes und ge­nau­eres Hin­sehen in viele Banktrans­ak­tionen und Steu­er­konten si­cher an­ge­mes­sener ge­wesen. Fast einig, da es nach wie vor in un­sere Ge­sell­schaft einen mäch­tigen Kon­sens von we­nigen gibt, die selbst heute sich nicht dazu be­kennen mögen, dass der fast voll­stän­dige Ver­zicht auf eine so­zial ver­ant­wor­tete Kon­trolle eine we­sent­liche Ur­sache für das ge­gen­wär­tige Miss­ma­na­ge­ment ist. Die Lehre für Sie, die in nä­herer oder ferner Zu­kunft Ver­ant­wor­tung in und für diesen Staat über­nehmen werden und hof­fent­lich auch wollen, ist damit recht ein­fach: Seien sie miss­trauisch ge­gen­über denen, die in diesen ele­men­taren Fragen un­serer Wirt­schaft und Ge­sell­schaft Kon­troll­ver­lust zum Pro­gramm er­heben oder gar ‚Gier ist geil’ pre­digen. Das Grund­ge­setz for­dert in § 14 recht klar ‚Ei­gentum ver­pflichtet. Sein Ge­brauch soll zu­gleich dem Wohle der All­ge­mein­heit dienen.’ Ver­helfen Sie in Ihrem künf­tigen Le­bensweg diesem Gebot zur Durch­set­zung und seien Sie höchst kri­tisch ge­gen­über den­je­nigen, die eine so­ziale Kon­trolle der Bürger un­ter­ein­ander ab­lehnen und dazu den Frei­heits­be­griff be­mühen.

Wenn man dazu kon­krete Bei­spiele be­müht, kann man echt ins Nach­denken kommen. Schauen wir uns z.B. die Schweden an, die kein Steu­er­ge­heimnis kennen und es als völlig selbst­ver­ständ­lich be­trachten, dass man durch einen Blick in den nach Post­leit­zahlen sor­tierten Ta­xe­rings­ka­lender er­fahren kann, was der Nachbar als Ein­kommen und Ver­mögen ver­steuert. Sie merken, das wäre für uns zu­nächst einmal ziem­lich be­fremd­lich. Aber um­ge­kehrt denken die Schweden, dass genau wir in dieser Frage im über­tra­genen Sinne mit der Bhurka ver­hüllt rum­laufen und nicht sehen wollen, dass diese schwe­di­sche Form der  so­zialen Kon­trolle zu einer Men­ta­lität mit einer deut­lich ge­rin­geren Gier- und Neid­kom­po­nente führt, und es viel­leicht kein Zu­fall ist, dass die Schweden seit exakt 200 Jahren an keinem Krieg mehr be­tei­ligt waren? Und so sei auch um­ge­kehrt an uns die Frage ge­spie­gelt, wieso aus­ge­rechnet Bayern trotz be­ste­hender EU-Vor­schrift die letzte Re­gion in ganz Eu­ropa der 27 ist, die die firmen- und per­so­nen­ge­bun­dene Ver­öf­fent­li­chung der EU-Agrar­sub­ven­tionen im In­ternet mit dem Rück­griff auf das Da­ten­schutz­ar­gu­ment nicht um­setzen will? – Dass Deutsch­land dafür dem­nächst 100 000 € Strafe zahlen soll PRO TAG! sei nur am Rande er­wähnt. – Aber soll damit im Rück­griff auf diesen ent­grenzten Frei­heits­be­griff ver­borgen bleiben, dass in Deutsch­land auch ein Golf­club Agrar­sub­ven­tionen er­hält oder der größte Emp­fänger der Gelder für die armen Bauern ein großer Zucker­kon­zern ist? Solche Formen der so­zialen Kon­trolle über im In­ternet zu­gäng­liche In­for­ma­tionen, die jeder Bürger, also auch Sie, ein­sehen können, sind ei­gent­lich genau die, mit denen man Schie­be­reien, Kor­rup­tion oder das Er­schlei­chen von staat­li­chen Hilfen ver­hin­dern könnte – warum ma­chen wir das ei­gent­lich nicht flä­chen­de­ckend auch in an­deren Sub­ven­ti­ons­be­rei­chen? Sie sehen, Sie haben also später als Staats­bürger noch eine Menge zu tun, um mit einer sinn­vollen so­zialen Kon­trolle dem Her­auf­ziehen sol­cher Krisen früh­zeitig zu be­gegnen.

Damit sind wir beim zweiten Aspekt dieser Krise – den staat­li­chen Hilfen. Um es vorweg klar zu sagen – das Goethe-Gym­na­sium ist nicht Opel oder Kar­stadt – wer solche tollen Abi­tu­ri­en­tInnen her­vor­bringt, braucht ei­gent­lich keine zu­sätz­li­chen staat­li­chen Hilfen; wir sind auch nicht run­ter­ge­wirt­schaftet, eher im Ge­gen­teil, wir haben mit diesem Saal eine echt schicke Lo­ca­tion, in der wir heute feiern können und auch mit an­deren An­ge­boten der Schule – von der Mega­klet­ter­wand bis hin zu un­seren Ro­bo­tern - findet man heute hier eine Aus­stat­tung, die nicht an sehr vielen Schulen in Nah und Fern an­zu­treffen ist.

Aber denken Sie mal ge­grif­fene 20 oder 25 Jahre weiter und die ersten von Ihnen kommen mit Ihren 11­jäh­rigen Buttjes oder De­erns hier an, um nach einer Schule für den Nach­wuchs zu schauen. Da gäb’s dann zu­nächst man­chen per­so­nellen Schnack – kuck mal, der Onken und die Hä­gele sind auch schon um die Fünfzig, und der Lenz ist schon pen­sio­niert, von mir ganz zu schweigen – aber an­sonsten sähe es hier immer noch gen­auso aus – eine als Halb­tags­schule ge­baute Wasch­be­ton­räum­lich­keits­an­samm­lung im Grünen. Da hilft dann auch nicht mehr die al­ler­tren­digste und schickste No­te­book­ge­ne­ra­tion oder ein Be­amer in jeder Klasse, um zu er­kennen, dass die mo­dernen Formen von Un­ter­richt und Lernen in Lern­land­schaften und Lern­büros, hoch­gradig in­di­vi­dua­li­siert, in den Be­ton­qua­dern der 60er Jahre des ver­gan­genen Jahr­hun­derts nicht funk­tio­nieren. Aber aus Gründen der Fi­nanz­kri­sen­re­fi­nan­zie­rung um 2010 war kein Geld für Schulbau mehr da, son­dern ein Spar­haus­halt jagte den an­deren. Und die Schul­lei­tung mur­melt dann ent­schul­di­gend, ‚Sie wissen ja, für die Farbe, wenn die El­tern selber strei­chen, reicht’s noch, aber an­sonsten müssen ja alle sparen…

Spä­tes­tens dann haben Sie den Beleg, dass Sie in den letzten 25 Jahren ir­gen­detwas ver­säumt haben. Und da­hin­ge­hend möchte ich Sie heute schon warnen, dass Sie nicht gleich mit dem tollen Ge­fühl, es ge­schafft zu haben, hier raus­gehen und hinter Schule dau­er­haft den geis­tigen Haken setzen und sich erst dann wieder mit diesem Thema be­schäf­tigen, wenn Sie mit Ihren ersten Kin­dern hier auf­schlagen. Wenn die Bürger un­seres Staates und damit auch Sie es näm­lich nicht in Ihrer Ge­samt­heit auf die Reihe kriegen, dass die In­ves­ti­tionen in Schulen und deren per­ma­nente Mo­der­ni­sie­rung die zen­trale Zu­kunfts­si­che­rungs­auf­gaben sind, son­dern dieses Thema nur in der kurzen Zeit, wenn man Kinder hierher schickt, von Be­deu­tung ist, dann ver­halten wir uns als Ge­sell­schaft wie der Un­ter­nehmer, der es 20 Jahre ver­säumt hat, in seine Ma­schinen und An­lagen zu in­ves­tieren, mit dem Ar­gu­ment, dass die alten es ja noch täten. Den wird der Markt richten, denn er kann sich näm­lich nicht mit re­si­gna­tiven Sprü­chen aus der Af­färe ziehen, wie ‚was meinst du, wie das erst bei uns früher war’ ‚bei uns gab es nur einen Be­amer für die ganze Schule und ge­gessen haben wir sogar in der zu­gigen Pau­sen­halle’ – man ist dann schnell bei der Nach­kriegs­kin­derar­gu­men­ta­tion, die das Holz für den Ofen in der Klasse noch selber ha­cken musste.

Die Al­ter­na­tive wird dann sein, sich nach sünd­haft teuren Pri­vat­schulen um­zu­schauen, be­züg­lich der Schul­geld­höhe kann man sich ja schon mal in den USA oder in der Schweiz er­kun­digen.

Wenn man das nicht will, muss man sich bei­zeiten dafür ein­zu­setzen, dass es neben der Schul­den­bremse auch z.B. eine grund­ge­setz­lich ab­ge­si­cherte Min­des­tin­ves­ti­ti­ons­quote für die Bil­dung gibt, die sich zu­min­dest auf dem Ni­veau der PISA-Winner-Länder be­wegt. Das würde auch den ver­schulten aber immer noch über­füllten Uni­ver­si­täten zu Gute kommen – Sie werden es bald merken, dass es hier am Goethe-Gym­na­sium doch ziem­lich an­ge­nehm war.

In­so­fern brau­chen wir keine staat­liche Einmal-Hilfen, son­dern der Staat muss sich um seine zen­trale In­ves­ti­ti­ons­auf­gabe per­ma­nent küm­mern. Damit er das kann, sei es auch er­laubt, dass seine Ein­nah­men­si­tua­tion deut­lich ver­bes­sert wird, denn ohne ein deut­li­ches Mehr an Geld können wir hier keine mo­derne Schule or­ga­ni­sieren. Und so schließt sich der Kreis zum An­fang meiner Aus­füh­rungen – zur Ver­bes­se­rung dürfte ent­schei­dend eine grö­ßere Trans­pa­renz, Öf­fent­lich­keit und so­ziale Kon­trolle min­des­tens in un­serem Lande bei­tragen, damit zu­künftig Liech­ten­stein oder die Ca­yman-Is­lands sich nur noch als tou­ris­ti­sches Ziel einen Namen ma­chen können.

Apropo Ur­laub, den haben sie sich nach all diesen An­stren­gungen erst einmal red­lich ver­dient – in diesem Sinne wün­schen wir Ihnen eine schöne Zeit, bis Sie mit dem Abi­tur­zeugnis des Goethe-Gym­na­siums zu neuen Zielen auf­bre­chen. Und wie ge­sagt, lassen Sie sich nicht vom Kri­sen­ge­rede kirre ma­chen, gehen Sie Ihre Zu­kunft aktiv an, ver­än­dern Sie hin­der­liche Struk­turen – nur weil etwas schon lange so ist, muss es ja nicht so bleiben. Ge­rade Krisen bieten die Mög­lich­keit dazu, denn bisher haben auch viele Ge­ne­ra­tionen vor Ihnen trotz an­geb­lich schlechter Per­spek­tiven mehr als das Beste draus ge­macht – die Zu­kunft ge­hört der Ju­gend, sie ge­hört Ihnen.

Ein Nach­satz sei al­ler­dings im Auf­trag des Lei­ters des Amtes für Bil­dung er­laubt: Die Schul­be­hörde möchte sich bei der Schul­lei­tung und beim Kol­le­gium dafür be­danken, dass wir alle unter Hint­an­stellen von bü­ro­kra­ti­schen Vor­schriften es er­mög­licht haben, dass einer jungen Frau unter Ihnen es ge­lingen konnte, die Abi­tur­prü­fung er­folg­reich ab­zu­legen, die unter den Um­ständen ihrer Krank­heit ei­gent­lich keine Chance dazu ge­habt hätte. Die Schul­be­hörde be­dankt sich auch bei ihrer Mutter für deren Be­harr­lich­keit, weil mit diesem Bei­spiel ge­zeigt werden kann, dass auch unter ex­trem er­schwerten Be­din­gungen oft­mals viel mehr mög­lich ist, wenn man nur unser ur­deut­sches Vor­schrif­ten­wesen etwas fle­xibler hand­habt und im Er­gebnis be­schei­dene zu­sätz­liche Mittel be­reit­stellt. Die Be­hörde für Schule und Be­rufs­bil­dung gra­tu­liert Ihnen liebe Ca­rina, aus­drück­lich zum be­stan­denen Abitur.

Und auch ein zweiter Fall soll auf Grund seiner Un­ge­wöhn­lich­keit be­son­dere Er­wäh­nung finden: Es ist schon schwierig genug, sich in einem zu­nächst fremden Land zu­recht­zu­finden, dessen Sprache man kaum be­herrscht. Wenn man dann auch noch, weil der Vater ver­storben ist, die Auf­for­de­rung zur Aus­reise in den Händen hält, ob­wohl man ge­rade An­schluss ge­funden hat, ist man froh, wenn man von Mit­schü­lern und Kol­le­ginnen der Schule beim Wunsch zu bleiben un­ter­stützt wird. Dass es Ihnen, liebe Ta­tyana, dann ge­lungen ist, auch noch ein Spit­zena­bitur zu bauen, freut uns sehr, zeigt sich doch auch hier, das Grenzen über­windbar sind, wenn man den ei­genen Willen dazu hat und man dabei breite Un­ter­stüt­zung findet.

Die Schul­lei­tung be­dankt sich für diese Un­ter­stüt­zung bei Ihren Mit­schü­le­rInnen und den Sie be­glei­tenden Kol­le­gInnen.

(Schul­leiter - Egon Tegge 06/09)

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