Rede des Schulleiters zur Abiturentlassung 2007

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Liebe Abi­tu­ri­en­tinnen und Abi­tu­ri­enten, liebe hof­fent­lich au­ßer­or­dent­lich stolze El­tern und An­ver­wandte sowie Freunde, liebe Kol­le­ginnen und Kol­legen, liebe Mit­ar­bei­te­rInnen, liebe Schü­le­rinnen und Schüler, liebe Gäste!

Zu­nächst erst einmal meinen herz­li­chen Glück­wunsch zum be­stan­denen Abitur - wir, d.h., Leh­rer­kol­le­gium und Schul­lei­tung, freuen uns mit Ihnen und sind zu­gleich au­ßer­or­dent­lich stolz auf Sie alle. Wir freuen uns auch dar­über, dass Ihr Jahr­gang es auch im dritten Jahr des an­geb­lich so viel schär­feren und ob­jek­ti­veren Zen­trala­bi­turs ge­schafft haben, den ‚Schnitt’ zu halten, also im lang­jäh­rigen Durch­schnitt der Er­geb­nisse un­serer Schule - ob mit oder ohne Zen­trala­bitur - zu bleiben. Damit liegt auch er­neut ein em­pi­ri­scher Be­weis dafür vor, dass Sie sich und wir uns mit den er­reichten Leis­tungen nicht ver­ste­cken müssen - kurz ge­sagt, wo Goethe drauf­steht, da ist auch viel Goethe drin.

Alles an­dere hätte uns auch sehr ge­wun­dert - schaffen doch die Fran­zosen das Zen­trala­bitur ge­rade ab, und zwar in der öf­fent­li­chen De­batte mit genau dem selben Ar­gu­ment, mit dem man es in Deutsch­land ein­ge­führt hat - zur an­geb­li­chen Qua­li­täts­stei­ge­rung! Ja, damit haben dann die Po­li­tiker hüben wie drüben ihre Kom­pe­tenz be­wiesen, bwenn man schon nicht mehr Geld für die Bil­dung aus­geben will, hat man doch über ein saf­tiges Mess­pro­gramm und viele kos­ten­neu­trale Ver­än­de­rungen nach­ge­wiesen, dass das auch gar nicht nötig ist. Gut, das ist nicht das ein­zige Pa­radox, dass uns Deut­sche mit den Fran­zosen ver­bindet, nein neu­er­dings fahren un­sere Su­per­schnell­züge auf den Gleisen der je­weils an­deren Na­tion - der TGV hüben und der ICE drüben und viel­leicht gibt ja die Lö­sung für die Frage des Not­schal­ters in den je­wei­ligen Lo­ko­mo­tiven im Ver­bund das Vor­bild dafür ab, wie man die Abi­tur­frage künftig re­geln sollte - wäh­rend im TGV dieser Schalter links war und im ICE rechts, ist in der eu­ro­päi­schen Lö­sung - ich sehe, Sie ahnen es - auf jeder Seite ein Schalter. Al­ler­dings kos­tete die ge­samte tech­ni­sche An­pas­sung pro Triebzug mal eben die lä­cher­liche Summe von 8 Mil­lionen Euro - man kann sich aber damit trösten, dass zu­min­dest hier in um­welt­freund­liche Ver­kehrs­mittel in­ves­tiert wurde. Bleibt die Frage, welche Um­welt durch die 500 000 € Mehr­kosten des Zen­trala­bi­turs pro Jahr in Ham­burg freund­li­cher ge­stimmt wurde. So­viel zu diesem letzt­malig von mir be­mühten Ein­gangsthema.

Züge und Bahnhof waren auch vor nicht allzu langer Zeit das Thema in diesem schönen Haus, dessen Namen ich auf aus­drück­li­chen Wunsch des Fest­ko­mi­tees heute in meiner kleinen An­sprache nicht be­nutzen werde, aber es war schon recht sym­bol­trächtig – je­den­falls fiel mir dabei spontan Ihr Abitur ein - als eine von Ihnen – die zu­fäl­li­ger­weise für eine Zeit in Frank­reich zur Schule ge­gangen ist – in der jüngst ge­se­henen Revue einer der von uns allen ge­schätzten au­to­mati-schen War­te­schleifen die pas­sende Fahr­karte ab­zu­ringen ver­suchte. Sym­bol­trächtig in­so­weit, da es Ihnen unter Um­ständen auch so geht in einer Phase Ihres Le­bens, wo Sie jetzt an­ge­kommen sind an der End­sta­tion des Goethe-Ex­presses und nun auf den An­schlusszug warten. Die Fahrt bis hier war si­cher nett, mal schlä­ferte einen das ewige Rat­tern von Stoffen, Leh­rern und Mit­schü­lern ein, es huschten die Bilder von Klas­sen­räumen, Klas­sen­ar­beiten oder Klas­sen­reisen vorbei, nur manchmal wurden ei­nige durch­ge­schüt­telt, aber die meisten konnten ohne Um­steigen diesen Ziel­bahnhof er­rei­chen. Und auch die Zug­be­gleiter und Ser­vice­mit­ar­beiter haben Sie in aller Regel mit größtem Zu­vor­kommen be­dient, wofür diesen erst einmal ein herz­li­ches Dan­ke­schön ge­bührt. Und damit sind neben den vielen Lehr­kräften ins­be­son­dere un­sere Haus­meis­terei und vor allen Dingen die Damen aus dem Büro ge­meint – Frau Brüggen und Frau Kühn!

Le­dig­lich der Spei­se­wagen war noch nicht an­ge­hängt - aber dafür wird bei allen künf­tigen Ver­bin­dungen auf dieser Strecke ge­sorgt - wie man hier und heute ja schon sehen kann. Statt­dessen hat sich aber bei Ihnen die An­schluss­be­ra­tung - ge­nannt Be­rufs­ori­en­tie­rung - also Frau Otten und die Ihren - dan­kens­wer­ter­weise un­ge­mein ins Zeug ge­legt - also an einer man­gelnden In­for­ma­tion und Be­ra­tung über die wei­tere Le­bens­reise kann es nicht ge­legen haben, wenn man jetzt nicht so recht weiß, wie es wei­ter­geht.

Aber selbst­kri­tisch auf uns Pro­fes­sio­nelle ge­wendet, könnte das auch heißen, dass wir Sie an der einen oder an­deren Stelle zu­viel ge­führt haben, an­statt Sie selbst­ständig mit vollem Ri­siko laufen zu lassen, was manchmal auch an der sprich­wört­li­chen Wand enden könnte. Dies Leh­rer­ver­halten ist al­ler­dings un­sere ‚De­for­ma­tion pro­fes­sio­nelle’ und be­schreibt die Un­mög­lich­keit, die Be­glei­tung vom un­mün­digen Kind­sein zum mün­digen Er­wach­senen stets ent­wick­lungs­an­ge­messen zu or­ga­ni­sieren, wobei noch hinzu kommt, dass diese Ent­wick­lung unter den uns An­ver­trauten trotz re­la­tiver Gleich­alt­rig­keit von Fall zu Fall ganz un­ter­schied­lich ver­läuft. Und wenn man dann hier am Goethe-Gym­na­sium noch für manche z.T. an­dern­orts - na sagen wir mal ‚Fehl­an­ge­passte’ - auch eine Auf­fang­mög­lich­keit be­reit­stellt, so ist klar, dass damit diese Auf­gabe nicht ein­fa­cher wird. Dieser Hin­ter­grund be­leuchtet dann viel­leicht auch, dass viele von Ihnen, wie eine Be­fra­gung jüngst er­geben hat, nicht nur trotz, son­dern auch genau des­wegen bild­lich ge­sehen auf einen An­schlusszug warten.

Oben­drein hat der eine oder an­dere von Ihnen auch schon ver­gleich­bare Er­leb­nisse mit War­te­schleifen tat­säch­li­cher Art oder im über­tra­genen Sinne hinter sich bringen müssen. Und manche haben si­cher auch das Ge­fühl ge­habt, dass dort draußen ir­gend etwas falsch pro-gram­miert ist, wenn man die be­hü­tenden Er­fah­rungen am Goethe-Gym­na­sium zu­grunde legt und die ‚ver­stehen’ dann in der Tat nur ‚Bahnhof’. Aber ver­weilen Sie nicht zu­lange im Schre­cken auf diese Ver­un­si­che­rung, son­dern be­greifen Sie diese als sys­te­ma­tisch – denn die Zeit der Si­cher­heit ist mit dem Mo­ment jetzt gleich – der Über­rei­chung des Abi­tur­zeug­nisses – de­fi­nitiv vorbei, auf die drei­zehnte Klasse folgt keine wei­tere, son­dern nur ein Strauß von Mög­lich­keiten, und wie bunt der ist, das hängt von Ihnen ab – nur Sie sollten diese beim Schopfe pa­cken, bleiben Sie also nicht im War­te­saal sitzen.

Sich an­läss­lich Ihres Abi­turs mit der Bahn zu be­schäf­tigen, macht al­ler­dings auch aus einem zweiten Grund durchaus Sinn. Ge­rade haben sich die Mäch­tigsten der Welt nur - im Welt­maß­stab ge­sehen – un­weit von hier ge­troffen und sich zu ziem­lich un­ver­bind­li­chen Ab­sichts­er­klä­rungen ge­nö­tigt ge­sehen – bei vielen der be­tei­ligten Po­li­tiker ist of­fenbar die Ver­ant­wor­tung in der Frage des Kli­ma­wan­dels und damit der nach­wach­senden Ge­ne­ra­tionen noch nicht voll an­ge­kommen. Da wird noch der Ar­beits­platz der Au­to­worker an den sprits­au­fenden Ge­län­de­wagen für den Stadt­ver­kehr als wich­tiger er­achtet als die Mil­li­ar­den­kosten, die un­ter­las­sener Um­welt­schutz ihrer Ge­ne­ra­tion und vor allen Ihren Kin­dern auf­nö­tigen wird. Und wenn eine Bahn­fahr­karte von Ham­burg nach Mün­chen heute dreimal so­viel wie ein Flug­ticket kostet trotz re­zi­proker CO2-Bi­lanz, dann haben wir, nein wahr­schein­lich vor allem Ihre Ge­ne­ra­tion und damit Sie noch eine Menge zu tun, die sonst so hoch ge­lobte Markt­wirt­schaft ge­rade auch in diesem Punkt zur Durch­set­zung zu ver­helfen. Man könnte doch schon fast daran denken, den Straf­tat­be­stand der un­ter­las­senen Po­li­ti­ker­leis­tung zu kre­ieren, wenn man sieht, dass wir im In­ternet uns haarklein aus­rechnen lassen können, was unser je­wei­liges Ver­halten - ob Reisen oder sonst etwas – für Um­welt­folgen er­zeugt, aber ent­spre­chende staat­liche Steue­rungen - Fehl­an­zeige. Und die Krone sind dann mo­ralin­saure Ab­lass­zah­lungen, mit denen wir uns ein paar Ur­wald­bäume zu­sam­men­spenden können. Unser Tüv-pla­ket­ten­nor­miertes Staats­system schafft es mitt­ler­weile sogar zu re­geln, dass aber auch der letzte spitze Zahn­sto­cher oder ein Af­ters­ha­ve­fläsch­chen mit 150 Mil­li­li­tern aus Si­cher­heits­gründen in einer hübsch mit dem ent­spre­chenden Pa­ra­gra­phen aus dem BGB – Ei­gen­tums­ver­zicht - ver­zierten Tonne beim CheckIn landet, aber wir schaffen es nicht, die tat­säch­li­chen CO2-Kosten auf die Ver­ur­sa­cher um­zu­legen und damit um­welt­ge­rechtes Ver­halten zu er­zeugen.

Man muss es ja schon fast als Panne be­zeichnen, dass die Po­litik in diesem Be­reich manchmal auch in­tel­li­gente Ge­setze macht, wie sei­ner­zeit 1972 in Baden-Würt­tem­berg, als man be-schloss, das Ein­leiten von un­ge­klärten Ab­wäs­sern in Flüsse jedes Jahr stei­gend mit 3 DM pro Ku­bik­meter zu be­lasten. Klingt auf den ersten Blick völlig harmlos. Bei ge­nau­erem Über­legen brauche ich Ihnen aber die Ant­wort auf die Frage nicht zu geben, wes­wegen es in Deutsch­land prak­tisch keine Ge­meinde ohne Klär­an­lage mehr gibt.

Sie sehen also, Sie haben später noch viel zu tun und es wird Ihr Job sein, alle diese Ver­säum­nisse zu kor­ri­gieren und dem Ver­ur­sa­cher­prinzip in jeder Hin­sicht zur Durch­set­zung zu ver­helfen, indem man es för­dert und ein­for­dert und der gute alte Volks­mund­spruch ab­ge­wan­delt wird in ‚Not lernt rechnen’.

Weil ge­gen­wärtig un­sere Ent­scheider in Po­litik und Ge­sell­schaft aller-dings die Zeit mit Zu­warten und Ver­tagen ver­trö­deln, gibt es noch einen dritten Be­reich, den ich an­ge­lehnt an die Bahn­me­ta­phorik Ihnen heute mit auf den Weg geben möchte – sei es, dass Sie sich darauf ein­stellen können, sei es dass Sie diesen Pro­zess mit ge­stalten wollen. Die Ma­cher der worst-case-Sze­na­rien in der Kli­mafrage sagen näm­lich ein­hellig, dass die staat­lich­au­to­ri­tären Ein­griffe umso ra­di­kaler aus­fallen werden müssen, je länger man zu­wartet. Was könnte das heißen – für uns alle?

Auf den Punkt ge­bracht wird es also – später – ziem­lich viele Re­geln und Vor­schriften geben müssen, wo den Men­schen knall­harte Grenzen ge­setzt werden, damit aus den 46 Grad in Grie­chen­land von vor-ges­tern nicht noch grö­ßere Hit­ze­wellen mit ent­spre­chenden Folgen werden, die ich in An­be­tracht des freu­digen Tages nicht aus­malen will. Schließ­lich sind wir zu­sam­men­ge­kommen, um zu feiern und sich mit Ihnen zu freuen. Nur sei dieser Blick in die Zu­kunft ge­rade in diesem Mo­ment er­laubt, denn beim Stich­wort ‚au­to­ritär’ sollten wir alle und ins­be­son­dere Sie, die an­ders als meine Ge­ne­ra­tion in einer nie er­reich-ten Frei­heit auf­ge­wachsen sind, sehr hell­hörig sein. Be­kennt­nisse zur li­berté sind schnell in Par­tei­pro­grammen nie­der­ge­legt, aber was ist mit den an­deren Eck­werten, wie sie an der Wiege der heu­tigen De­mo­kratie ge­for­dert wurden, wie Brü­der­lich­keit oder gar ega­lité? Denn be­zogen auf den aus­ste­henden Re­ge­lungs­be­darf ist es schon recht ent-schei­dend, wie und vor allen Dingen wem die Grenzen in un­serer Zu-sam­men­leben, in un­serer Ge­sell­schaft auf­ge­zeigt werden, ob es also bild­lich ver­ein­facht ge­sehen, er­laubt wird, an sein ul­tralarge ve­hikel noch eine wei­tere Ramm­stoß­stange an­zu­bauen, um mög­li­ches Wild aus dem Wege zu räumen, oder ob dem 3-DM/Eu­ro­ge­danken zur Durch­set­zung ver­holfen wird.

Auch zur Lö­sung dieser Frage gab die dar­ge­bo­tene Revue ein paar Fin­ger­zeige, denn der im Mit­tel­punkt ste­hende War­te­saal ist näm­lich im Prinzip eine ver­dammt de­mo­kra­ti­sche Ein­rich­tung und ist – wenn es ver­ein­zelt auch schon VIP-Be­reiche gibt – ei­gent­lich ziem­lich ega­litär an­ge­legt. Wie neu­lich auch wun­der­schön in Szene ge­setzt, bei feh­lendem An­schlusszug werden Banker und Rentner, Schul­klassen und Punks näm­lich gleich be­han­delt – alle müssen glei­cher­maßen warten, man muss zu­sam­men­rücken, auf den an­deren zu­gehen, aber ihn auch ir­gendwo er­tragen oder ihn ge­ge­be­nen­falls auch mit­nehmen oder helfen. Ein War­te­saal ist in der Tat aber auch ein biss­chen au­to­ritär, er bietet an­ders als die to­tale Frei­heit, die ent­spre­chend des heu­tigen Zeit­geistes einem bei echten Reisen oder auch bei vir­tu­ellen im Inter-net an­ge­boten wird, nur sehr be­grenzte Mög­lich­keiten für den Auf­ent­halt oder das Wei­ter­kommen.

Aber er hat einen un­ge­heuren Vor­teil – er ist in aller Regel kom­mu­ni­kativ. Ge­rade weil man sich nicht in vir­tu­ellen Rea­li­täten eines se­cond life ver­ste­cken kann, son­dern un­mit­telbar dem an­deren ge­gen­über sitzt, lädt er zum Ge­spräch, zum Aus­tausch dar­über ein, wie es wei-ter­geht. Und wenn man mit an­deren sich im selben Raum be­findet, funk­tio­niert auch der ur­ei­gene mensch­liche Trieb, sich in Not­lagen ge­gen­seitig zu helfen, fast wie von selbst. Und hier genau liegt Ihre Auf­gabe für die Zu­kunft: Wie kann man im Zeit­alter der Glo­ba­li­sie­rung solche vir­tu­ellen oder realen Räume der Kom­mu­ni­ka­tion schaffen, mit denen Mei­nungs­macht er­zeugt wird, die Un­ge­rech­tig­keiten an­pran­gern, die gegen un­de­mo­kra­ti­sche und staats­au­to­ri­täre Wege sich zur Wehr setzen können, die Hilfe or­ga­ni­sieren und die die wach­sende Un­gleich­heit be­kämpfen? Die tech­ni­schen Mög­lich­keiten dazu sind mitt­ler­weile längst da, man muss sich nur ent­spre­chend ver­netzen.

Denn es geht um die Be­wah­rung dessen, was Sie bis heute – an dieser Schule aber auch an­derswo – ge­nießen durften, um die Be­wah­rung der Frei­heit. Aber Frei­heit kann nicht für sich al­lein be­stehen – es han­delt sich schließ­lich um einen zu­tiefst so­zialen Be­griff – findet die ei­gene Frei­heit doch stets ihre Grenze an der Frei­heit des an­deren.

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