Rede des stellv. Schulleiters, Karsten Stuhlmacher, zur Abiturentlassung 2008

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Liebe Gäste, liebe Abi­tu­ri­en­tinnen und Abi­tu­ri­enten.

Eine An­mer­kung vorweg: Als ich vor ein paar Wo­chen ei­nige von Euch fragte, was für eine Abi­tur­rede ihr Euch wünscht, habe ich zur Ant­wort be­kommen: Nicht zu lang, nichts Po­li­ti­sches, lieber ir­gend etwas wie die Schwarz­brot-und-Apfel-Rede von Herrn Land.

Nun denn!

Wenn man es nicht weiß – und ich muss ge­stehen, ganz genau wusste ich es nicht – wenn man also nicht weiß, was das Wort Abitur ei­gent­lich be­deutet, könnte man meinen, es drückt aus, dass man etwas ge­schafft hat, dass man einen Ab­schluss er­reicht, eine Prü­fung be­standen hat. Dem ist aber nicht so. Ich habe es nach­ge­schlagen und war etwas über­rascht: Das Wort „Abi­tur“ leitet sich näm­lich vom la­tei­ni­schen „ab­ire“ ab, was in etwa „da­von­ge­hen“ be­deutet.

An­de­rer­seits so über­ra­schend ist dies auch wieder nicht, denn schließ­lich ist diese Ver­an­stal­tung heute die Abi­tur­ent­las­sungs­feier. Ent­las­sungs­feier - etwas bös­artig könnte man auch sagen, diese An­stalt ent­lässt Euch heute. Mag sein, dass ei­nige von euch bis­weilen den Im­puls ver­spüren, das auch so zu sehen.

Ich bin mir aber auch si­cher, für viele von euch be­deutet das auch Ab­schied und Wehmut. Schließ­lich geht mit der Schule etwas zu Ende, das eng mit einer ganzen Epoche Eures Le­bens ver­bunden war. Freund­schaften, viel­leicht auch Ver­liebt­heiten, Er­folge, aber auch Ängste, Kon­flikte, bis­weilen Miss­gunst. All dies wird es auch wei­terhin in Eurem Leben geben. Aber nie wieder in dieser Form, die man Schule nennt.

Ihr geht also jetzt davon. Nach min­des­tens drei­zehn Jahren Schul­zeit – für ei­nige waren es auch ein paar mehr - davon min­des­tens neun Jahre am Goethe-Gym­na­sium. Es endet für Euch ein Le­bens­ab­schnitt. Wenn je­mand nach so langer Zeit geht, wünscht man sich, dass er etwas mit­nimmt.

Was wün­schen sich Leh­re­rinnen und Lehrer, wenn Schü­le­rinnen und Schüler eine Schule ver­lassen? Sie wün­schen sich na­tür­lich, dass sie etwas ge­lernt haben.

Das Zeugnis, das ihr gleich er­haltet, be­schei­nigt euch die „All­ge­meine Hoch­schul­reife“. Das be­deutet formal na­tür­lich erstmal, dass ihr zum Stu­dium zu­ge­lassen werden könnt. Aber egal, ob Ihr stu­diert oder einen an­deren Weg geht: Da­hinter steckt die Ein­schät­zung, dass ihr etwas ge­lernt habt, dass Ihr Bil­dung ge­nossen habt und in der Lage seid, Euch wei­tere Bil­dung an­zu­eignen.

Die meisten von euch, mit Aus­nahme der Quer­ein­steiger, sind nach der vierten Klasse an das Goethe-Gym­na­sium ge­kommen. Da­mals war Herr Land noch der Leiter dieser Schule. Und er hielt seine fast schon le­gen­däre Apfel-und-Schwarz­brot­rede. Ich möchte Euch daran erin­nern.

Wie er­klärt man zu­künf­tigen Fünft­kläss­lern, was Lernen am Gym­na­sium be­deutet? Man wählt eine ver­ständ­liche Ana­logie. Apfel und Schwarz­brot – meist hatte Herr Land sogar beides dabei. Der Apfel: Er steht für das, was einem so zu­fällt, das Süße, das, was einem Spaß macht – die leichte Kost. So kann Lernen sein. Dann gibt es aber auch das Schwarz­brot. Da muss man sich durch­beißen. Das ist An­stren­gung, Ar­beit – und schwer ver­dau­lich. Auch das ist Lernen.

So­weit so gut. Aber damit ist die Ge­schichte noch nicht zu Ende. Denn siehe da, je länger man auf dem Schwarz­brot rum­kaut, um so süßer schmeckt es. Für Fünft­klässler reicht es an dieser Stelle. Es ist eine sinn­liche Er­fah­rung, die jeder ma­chen kann. Abi­tu­ri­enten müssen aber auch die bio­lo­gi­sche Er­klä­rung kennen – und die folgt jetzt: Schwarz­brot ent­hält Stärke. Im Mund, beim Kauen, wird Stärke vor­ver­daut. Ver­ant­wort­lich ist dafür ein Enzym des Spei­chels, die Amylase. Amylase spaltet die Stärke in Zucker auf – daher süß.

Es stimmt also. Lernen ist beides.

Der chi­ne­si­sche Phi­lo­soph Lao Tse hat es ähn­lich, aber doch etwas an­ders aus­ge­drückt. Er sagte: „Lernen ist wie das Ru­dern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zu­rück.“ Auch hier na­tür­lich die An­stren­gung. Aber auch die Bot­schaft: Es nimmt kein Ende. Wenn Ihr also in diesen Tagen geht, dann wech­selt Ihr viel­leicht das Boot, das Ru­dern aber hört nicht auf, Apfel und Schwarz­brot bleiben euch er­halten (üb­ri­gens eine gute Weg­ver­pfle­gung).

In der Schule, so hoffen wir, habt Ihr ge­lernt, wie man ru­dert. Den Kurs be­stimmt nun Ihr. Und auch, ob Ihr al­lein oder mit vielen an­deren im Boot sitzen wollt. Im Team ru­dert es sich si­cher leichter, aber nur, wenn man sich über den Kurs und die Schlag­zahl einig ist.

Was aber ist es, wo­gegen man an­ru­dert, was macht den Strom aus? Ich denke die Ant­wort auf diese Frage hat der Phy­siker Al­bert Ein­stein sehr pas­send for­mu­liert als er sagte – ich zi­tiere- : “Nur zwei Dinge sind unend­lich, das Weltall und die mensch­liche Dumm­heit.“ Und er fügte hinzu: „Beim Weltall bin ich mir aber nicht ganz si­cher.“

Bil­dung – so meine ich – ist also ein An­ru­dern gegen die Dumm­heit. Wenn man ein wenig über Ein­stein weiß, dann er­kennt man auch, dass er die mensch­liche Dumm­heit ver­ant­wort­lich machte für viel Leid und Un­ge­rech­tig­keit in der Welt. Ein­stein selbst hat sich daher auch immer wieder öf­fent­lich zu mo­ra­li­schen und po­li­ti­schen Fragen ge­äu­ßert, er war nicht nur ein ge­nialer Phy­siker, son­dern er hat auch als Person Ver­ant­wor­tung über­nommen.

Damit komme ich zu einer wei­teren Be­deu­tung des Abi­turs.

In einer etwas alt­mo­disch an­mu­tenden Sprech­weise wird das Abitur auch „Rei­fe­prü­fung“ ge­nannt und das Zeugnis ent­spre­chend „Rei­fe­zeug­nis“. Welche Reife wird euch damit be­schei­nigt? Ich denke zu­min­dest auch die Reife, Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen.

Es ist nicht lange her, da seid ihr 18 ge­worden. Na­tür­lich denkt man dabei zu­nächst an mehr Frei­heit. Die ei­genen Ent­schul­di­gungen schreiben, Auto fahren, keine ner­vigen Al­ters­be­schrän­kungen für Ver­an­stal­tungen, Kinos usw.

Aber mit der Frei­heit wächst auch die Ver­ant­wor­tung. Die ei­gene Un­ter­schrift gilt, mit 18 kann man Ver­träge ab­schließen, kann aber auch für deren Folgen haftbar ge­macht werden. Der Ge­setz­geber nimmt einen in die volle Ver­ant­wor­tung, man ist voll straf­mündig ge­worden.

Es geht mir aber nicht in erster Linie um das Recht.

Ein Tü­binger Pro­fessor, Jo­hannes Schwart­länder, hat Ver­ant­wor­tung so de­fi­niert: „Al­lein der Mensch trägt Ver­ant­wor­tung, für sein Han­deln sowie über­nom­mene Auf­gaben und Pflichten, vor einer In­stanz, die Re­chen­schaft for­dert.“

Mit dieser In­stanz sind nicht nur die Ge­richte ge­meint. Ge­meint sind auch El­tern, Freunde, alle Men­schen, die einem nahe stehen. Aber nicht nur Men­schen, die einem nahe stehen, son­dern auch Fremde, die so­ge­nannte Öf­fent­lich­keit, die Ge­sell­schaft und letzt­lich auch Tiere oder gar die Um­welt.

Kann ein ein­zelner Mensch so viel Ver­ant­wor­tung tragen? Ja, er kann. Denn: Es ist nicht ge­meint, dass ein Ein­zelner das Leid der ganzen Welt zu ver­ant­worten hat. Oder sich zu­min­dest darum küm­mern muss. Ge­meint ist viel­mehr immer das per­sön­liche Han­deln, der Be­reich, in dem ich meine Frei­heit aus­lebe.

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean Paul Sartre hat das so aus­ge­drückt: „Das Tragen der Ver­ant­wor­tung für mein Sein bein­haltet zu­gleich die Ver­ant­wor­tung für das Sein des An­de­ren“. In diesem Rahmen könnt auch ihr Ver­ant­wor­tung über­nehmen und das habt Ihr auch in der Ver­gan­gen­heit schon getan, denkt nur mal an die Auf­gaben, die viele von euch in der Schule über­nommen haben: Streit­sch­lichter, Stu­fen­spre­cher, Nach­hilfe-Lehrer, För­der­un­ter­richt.

Man kann sich aber auch vor Ver­ant­wor­tung drücken, so manche „Ent­schul­di­gung“ macht das deut­lich. Hier ein Bei­spiel für eine Ent­schul­di­gung, die er­klären sollte, warum es nicht mög­lich war einen Ganz­tags­schul­kurs recht­zeitig ab­zu­sagen: „Ich konnte nicht an­rufen, ich hatte die Te­le­fon­nummer der Schule nicht und im Te­le­fon­buch steht sie nicht drin und das In­ternet funk­tio­nierte nicht.“ Da wäre es doch ehr­li­cher ge­wesen zu sagen, „ich habe es ver­mas­selt.“

Man macht eben nicht alles richtig im Leben, Per­fek­tion ist keine mensch­liche Ei­gen­schaft, daher kann keiner sie von einem Men­schen ver­langen. Aber aus genau dem selben Grund kann man ver­langen, dass man zu seinen Feh­lern steht.

Denn Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen ver­langt auch den Mut zur Ehr­lich­keit, ehr­lich ge­gen­über an­deren und nicht zu­letzt ge­gen­über sich selbst.

Wenn ihr also nun „da­von­geht“, wün­sche ich Euch Kraft, um gegen den Strom zu ru­dern und Mut ver­ant­wort­lich mit der Frei­heit um­zu­gehen. Und ich wün­sche Euch, dass Ihr Bil­dung be­greift nicht als einen Berg von Wissen, den man mit sich her­um­schleppt, son­dern als eine Hal­tung zum Leben, in dem Sinne, wie es der Na­mens­geber un­serer Schule – Jo­hann Wolf­gang von Goethe - aus­ge­drückt hat:

“Es ist nicht genug, zu wissen – man muss es auch an­wenden. Es ist nicht genug, zu wollen – man muss es auch tun!“

Vielen Dank und alles Gute.

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